Montagmorgen

Montagmorgen, Zeit der Laubgebläse
Zeit der Motorsägen, der Presslufthämmer
der Mensch dieses Unkraut
juckt aus seiner Ruh empor
wie jeden Montag seit die Welt geboren
schreitet zur Tat
bläst Blätter in den Wind
Geratter und Geknatter
auf dem nahen Friedhof
streckt der Dachs verwundert den Kopf aus seiner Höhle
und schlüpft gleich zurück ins Erdreich
ein Rumpeln und Poltern aus den Bergen
ein Dröhnen und Sausen im Tal
der Mensch und sein Plan
wenn ihn wer lesen könnte
der Mensch heult mit seinem Gerät
bis am Freitag um fünf
gräbt sich ein unter den Sternen
lauscht dem Zittern der Luft

Sphäre

Die letzten Tage der alten Menschheit
unter dem Glanz der alten Sonne
ein Neues wird geboren
das wiederum Menschheit heissen wird
zwischen den dichten Häuserreihen
das Dröhnen und Brummen des Geräts
des gottgefälligen – ein überflüssiges Wort – Tuns und Fleisses
niemand merkt auf
eine gewöhnliche Stunde inmitten der Passanten
ein windiger Tag
in der Luft die elektrischen Signale
Insekten die den Himmel verdunkeln
rätselhaftes Energiefeld um den Globus
die Sphärenmusik – ganz nah
majestätisch und kalt wie ein Regenbogen

Heute hat eine Frau ihren Klon geboren

kein besonderer Tag
die Autos fuhren im Kreis
am Arbeitsplatz wurde der Erfolgsplan besprochen
die Kinder vor dem TV wie Schlafwandler
nun ja, vom Himmel brannte übertrieben heiss die Sonne

als die Menschen zu Feierabend erschöpft zuhause sassen
brachte sie den Klon in die Welt
wenig später das flimmernde Bild der glücklichen Mutter mit Kind
am leichten Beben ihrer Nüstern erkannte man
wie unerbittlich wach alle Instinkte sind
schon mahlten die Kiefer der Natur an diesem Leben
als ob nichts wäre
der kleine Klon bewegte die Ärmchen
die im blauen Jäckchen steckten
von der Tante gestrickt

Struktur

die unter dem Boden liegen
und die darauf stehen
das Dasein in seiner simplen Struktur
waagrecht – senkrecht

liegen und warten
stehen und warten
stehen und rufen
den unbekannten Gott
dessen die Liegenden harren

jeder Schritt auf der Waagrechten
getragen vom Geist von den Geistern
unter dem Dorfplatz liegen die Ahnen
am höchsten Punkt der Welt
trifft der Bergsteiger auf seine toten Kameraden

senkrecht der Berg
auf dem Weg von der Senkrechten in die Waagrechte
die ihn erklimmen
Fähnchen wehen
senkrecht aufgesteckt
im Wind der über das Land fährt

Kirchturm

Schon komisch
wie aus dieser Stadt die Kirchtürme ragen
fremdartig zwischen den Glasfassaden
wie riesige Mumien der Pharaonen
bald werden die Kinder wissen wollen
wozu diese grossen Häuser gut sind
und die Totenglocken werden geläutet
aus Nostalgiegründen und für die Touristen
der Mensch wird jemand anderer sein
der Bestie wächst ein neuer Zahn
die Ameise buddelt einen neuen Gang
die Bäume werden andere sein
werden fallen und aufstehen wie es ihnen beliebt

Kreis

An einem Morgen wie diesem
denkt man an sein früheres Leben
und merkt
ich weiss nicht wer ich war
im schimmernden Licht
scheint für einen Moment die Bewegung
der Hand zu sehen
die alles anrührt, alles anhebt
die alles berührt in jedem Augenblick
der komischste Mensch des heutigen Tages ist der Kaufmann
der die Ziffer auf seinem Bankpapier hütet
auch dieses Kleinste kann nicht gelingen
sowenig es dem Berg gelingen kann
fünf Stunden lang weder zu sinken noch sich zu heben
jetzt öffnet sich der Himmel und der Kreis erscheint
ein Flugzeug zieht eine Bahn der Zeit hinterher
ein rostiges Rad beginnt zu drehen
ein Zweig schwingt lautlos in der Luft

Warenfluss

tritt man in dieser Stadt vor’s Haus
spürt man sofort den Sog
ein lauwarmes, schlammiges Wasser
Fenster voller Waren links und rechts
Bilder von Waren an jeder Wand
die Strassenbahn auf der Warenroute
verklebt mit Bildern von Waren
auf allen Wegen gerätst du ins Warenhaus

Trauben von Mädchen und Frauen mit entzückten Gesichtern
hier ist der Ort des weiblichen Glücks
hier wird der Mangel von Jahrhunderten getilgt
hier erschallt stündlich der Ruf: ‘neue Waren!’

wer seine Einkaufstasche gefüllt
kämpft sich müde dem Zuhause zu
auf dass die neuen Waren ihren Glanz verbreiten
und das Glück verströmen
bis morgen
wo es wieder zum Verkauf steht

Sex Shop

er steht an der Treppe zum Sex Shop
ein Gläubiger auf den Stufen zum Altar
in diesen Augenblicken
ergreift die Göttin Besitz von ihm
er vernimmt ihre spitzen Schreie
tritt ins Innere
die Ewigkeit der aufgereihten Geschlechtsteile
die Göttin bietet ihre Vulva dar

wie der Blick des Priesters schweift
auf seinen leeren Plastikbeutel fällt
sein schäbiges Gewand
der Tempel hohl und menschenleer
bis auf die Verkäuferin billiger Devotionalien
treten ihm plötzlich Tränen in die Augen
nach Jahren des Schwanzdienstes versteht er in diesem Moment
meine Göttin ist tot
meine Religion ohne Leben
nicht meine Göttin melkt mich
ich melke mich selber
leere meinen Geist
vergeblich