Robi – mein schwerster Tag

«Dann fahren wir zum ehemaligen Markt, gleich beim alten Busbahnhof», hat Modell XZ100, Nummer 10010, mit dem staatsbürgerlichen Namen Robi Wehntaler, vorgeschlagen.

Wir treffen uns an diesem frühen Morgen im Café Nora. Er ist wie erwartet gross und kräftig, trägt einen Trainingsanzug, Turnschuhe, eine schwarze Sonnenbrille – eine imposante Erscheinung. Wir beginnen zu plaudern. Seine tiefe Stimme klingt einwandfrei, kein Scherbeln, kein Hall. Zwanzig Dienstjahre als Kampfroboter habe er auf dem Buckel, erwähnt Robi wie nebenbei – die durchschnittliche Lebensdauer eines Kampfroboters beträgt zehn Jahre.
Ich habe ihn gebeten, mich an einen Ort zu führen, an dem sich Entscheidendes in seinem Leben zugetragen hat. «Damals hatte sich eine Terrorzelle im Markt eingenistet», beginnt er zu erzählen. «Gehen wir also hin!»

Das Gelände des ehemaligen Marktes ist still, nur ab und zu dringt aus den leeren Gebäuden das Geräusch eines losen Gegenstandes, vom leichten Wind bewegt. Ich nehme keine Gefühlsregung an ihm wahr.
«Keiner hat je an einen Wiederaubau gedacht. Der Ort wurde kurzerhand verlassen», erklärt der XZ100. «Ich kann aber immer noch abrufen, wie es damals ausgesehen hat, bis in kleinste Details». Er öffnet seine Trainerjacke und zeigt mir einen kurzen Ausschnitt auf seinem Brustmonitor. Welch ein Gegensatz zum Bild, das sich heute bietet! Viele Gebäude sind ausgebrannt, riesige Löcher klaffen in den Mauern, Steine, Balken, Ziegel, Blech liegt überall herum.
«Da drin war das Hauptquartier der globalen Idealisten». Robi zeigt auf ein Gebäude, von dem nur noch die brandschwarze Grundmauer einen bis zwei Meter hoch dasteht. «Eine Gruppierung der Top-Terror-Liste, welche die Gesellschaft verändern will. Wir hatten den Befehl, überraschend zuzuschlagen. Meine Einheit stürmte von rechts vor, diese Strasse lang». Die Strasse wird von breiten Rissen durchzogen, und sogar zwei richtige Krater sind zu sehen, gross wie Kinderschwimmbecken.
«Wir rannten zum Haus, als vor uns plötzlich eine Granate einschlug. Metallteile flogen durch die Luft, darunter auch ein funkelnagelneuer Schnellfeuerarm. Als sich der Staub legte, sah ich, dass von den Kameraden vor mir nur Einzelteile übrig geblieben waren».
Der Kampf dauerte dann fast zwei Tage, und starke Verbände mussten beigezogen werden. «Es war einer meiner gefährlichsten Einsätze», resümiert Robi.

Das Erzählen scheint ihn nachdenklich zu machen. «Es ist nicht so, dass ich mit Stolz zurückblicke – obwohl die Operation ein Erfolg war. Ich bedauere die Opfer und verstehe nicht, warum das alles geschehen musste!»
Die Gewaltanwendung gegen Terrorzellen, die nicht zu den kreativ-fortschrittlichen Zielen der Gemeinschaft beitragen, sei unumgänglich, stellt der alte Haudegen klar. Die Oeffentlichkeit aber liebe es nicht, wenn sie mit Nachrichten gewalttätiger und blutiger Vorfälle konfrontiert wird. Das schlechte Image der Kampfroboter rühre daher, dass sich die Gesellschaft lieber dem Frieden und der Freude widmet. Bei Gewaltausbrüchen werde nicht differenziert. «Viele Leute rechnen uns kurzerhand zu den Terrorzellen, obwohl wir doch im Dienst und Interesse der Gemeinschaft handeln und für eine kreativ-fortschrittliche Zukunft für alle kämpfen».
Plötzlich schiebt sich Robis Kinnlade knirschend vor, und ich beginne zu verstehen, warum er sich für unsere Reihe «Berufsleute zu Deinen Diensten» gemeldet hat. Bitterkeit wäre übertrieben, Bitterkeit empfinde er nicht, versichert er auf meine direkte Frage. Ein Kampfroboter könne nicht auf das Verständnis der Allgemeinheit hoffen, fügt Nummer 10010 an, das müsse jeder, der diesen Beruf ausübt, zu akzeptieren lernen.

Seine Stimmung aber ist merklich verändert. Es ist seltsam, dass der Anflug von Mitleid, den ich plötzlich empfinde, dieser imposanten Gestalt gilt, die scheinbar so unzerstörbar vor mir steht. Um das Gespräch in eine unbeschwerte Bahn zu lenken, frage ich nach seinem Privatleben. Ein Bumerang. Robi erzählt, dass er vor fünf Jahren die Patenschaft für zwei Kinder übernommen hat, die einer potentiell traumatischen Situation ausgeliefert waren. Ein Pate müsse strenge Anforderungen erfüllen, und ein Roboter noch strengere als ein Mensch.
Die Patenschaft bereite ihm grosse Freude, doch mache er sich Sorgen, da er für die beiden letzten Kampfeinsätze seiner Einheit nicht berücksichtigt worden sei. Wenn dies ein drittes Mal passiere, müsse er sich ernsthaft fragen, was dies für die Patenschaft bedeute. Die Ablehnung seiner Bewerbung kann er nicht nachvollziehen. Er sei hundertprozentig einsatzbereit und für die entsprechenden Operationen qualifiziert gewesen. Natürlich werde die Konkurrenz der neuen XX-Serie spürbar, deren serielle Kampffähigkeiten im Bereich der Datenbearbeitung deutlich verbessert worden sei.
«Ich will damit nicht sagen, dass ich zum alten Eisen gehöre!», fügt der XZ100 an, und zum ersten Mal ist ein leichter Nachhall in seiner Stimme zu hören.
«Ich bin immer noch rund um die Uhr kampfbereit. Ich habe umfassende praktische Erfahrung. Ausserdem habe ich eben die Weiterbildung für die neuen Kurzfeuerraketen mit Diplom bestanden. Und den Kurs für das Betriebssystem XL3 werde ich in zwei Wochen abschliessen». Die Ferien hat Robi in Frankreich verbracht, was zur Verbesserung seiner Fremdsprachen-Kenntnisse beitrug.

Der XL100 wird schweigsam, unser Gespräch stockt. Er wirkt abwesend und grüblerisch. Auf meine Frage nach seinen Hobbies antwortet er leidenschaftslos. Er habe sich früher mit Datenaustausch beschäftigt, in jüngster Zeit aber das Interesse daran verloren. Jetzt verbringe er ab und zu einen Abend am Flipperkasten. Ausserdem repariere er gerne alte elektronische Geräte.
Wieder bricht die Unterhaltung ab. Robis Aufmerksamkeit scheint nun auf Dinge gerichtet, die nur von seinem inneren Raster erfasst werden. Ich versuche ihn nochmals zu aktivieren.
«Ist es nicht sehr schwierig, immer kampfbereit zu bleiben, aber doch nicht zu wissen, wann der nächste Einsatz kommt?»
«Ja…, das Warten! Auch rostfreier Stahl will gepflegt sein», antwortet er nur.

So machen wir uns kurz später auf den Rückweg zu den Fahrzeugen. Während des Gehens aber überlegt Robi es sich anders. «Ich werde noch ein wenig herumgehen – muss mir ordentlich die Beine vertreten. Nehmen Sie mein Fahrzeug; es ist bereits darauf programmiert, sie nach Hause zu bringen. Ihr eigenes schicke ich dann nach».
Als ich erkläre, dass dies nicht nötig sei, lächelt er unsicher und unnatürlich. Wir verabschieden uns, und er bittet mich, ihm Kopien der Medien zu übermitteln, in denen meine Reportage erscheinen wird. Dann geht er zurück auf’s Trümmerfeld, ruft Koordinaten ab. Er bleibt stehen und öffnet eine Bodenluke.

Als er bemerkt, dass ich ihm nachgegangen bin, erklärt er sich etwas verlegen: «Entschuldigen Sie, ich möchte allein sein und nachdenken… auf Wiedersehen!» Er steigt in den kreisrunden Schacht hinab, der sehr tief scheint. Seine Gestalt wird schnell kleiner, und taucht dann im Schwarz des Loches ab. Nurmehr das metallische, regelmässige Geräusch seiner Tritte auf den Eisensprossen ist zu hören, leiser werdend, sich in der Tiefe verlierend.