Loser Doppel-F

In seinen besten Tagen war er der «Teuffel» Doppel-F. Wo immer damals was los war – er war dabei! Er feierte gut und gern, stimmte mit seinem Bariton schaurig-schöne Lieder an, er sorgte für Bomben-Stimmung, und trieb’s beizeiten mit manchem lustigen Fräulein.

Trotz seines unbeschwerten Lebenswandels tat er zuverlässig seinen Dienst: unfehlbar und pünktlich lieferte er sein Quantum Seelen an, darunter immer mal wieder ein Aufsehen erregender Fall. Keiner, der ihn damals nicht gekannt hätte. Er war populär. Er war, na ja, ein Star.

Sein Fehler war es, dass er sich nicht weiterbildete und es ihm nie in den Sinn kam, seine Karriere zu planen.
Ueberhaupt fehlte ihm jegliches Interesse für das Zeitgeschehen. Es beschäftigte ihn ja nichts weiter als sein Vergnügen einerseits und die ewig gleiche menschliche Schlechtigkeit anderseits. Von dieser Warte aus veränderte sich die Welt tatsächlich kein bisschen, nicht in tausend Jahren.
Er realisierte dann viel zu spät, dass Gott tot war.

Später erinnerte er sich, dass er davon hatte reden hören. Italienische Anarchisten, zugleich Banditen, hatten sowas erzählt, am Lagerfeuer in den Bergen, um das er als Ziegenbock gestrichen war. Er hatte es vergessen, und jetzt war es zu spät.
Als dann lauter davon gesprochen wurde, so laut, dass sogar er es hören musste, war er vollkommen baff. Er hielt dieses Gerede für eine Wendung der Schlechtigkeit, die ihm – kaum zu glauben – bislang noch nicht untergekommen war. Er fragte jedermann zehn Mal, was denn «jene freche Rede» bedeute.
Kurzum: er hatte alles Wesentliche verpasst und war vollkommen unvorbereitet auf die neue Situation. Er war überfordert. Als er die schlichte Tatsache von Gottes Tod schliesslich erfasste, versteckte er sich drei Tage lang auf seinem Jagdsitz am Mittelrhein und starrte entgeistert vor sich hin. Er verstand die Welt nicht mehr.

Das Hölleninventar wurde zur gleichen Zeit von einer Firma für exklusives Design abtransportiert, soweit es noch brauchbar schien.
Hätte er sich rechtzeitig weitergebildet! Es hätte ihm doch gelingen müssen, in eine andere Branche zu wechseln, beispielsweise in die Unternehmensberatung oder in die Werbung. Tatsache aber ist, dass er in einer veränderten Situation keine Spur von Flexibilität und Kreativität zeigte.

Wie traurig es heute um ihn steht, erlebten wir anlässlich unseres Besuches im Altersheim Bergli. Es ist beschämend, einen Mann, um dessen ehemalige Grösse man weiss, in einem so hilflosen Zustand anzutreffen. Mit Wehmut realisierten wir, wie schnell die Zeit vergeht…

Aber der Reihe nach.
Der Teufel raffte sich schliesslich auf. Er wandte sich mit einer schnörkelhaften Bittschrift an diverse kirchliche und bürgerliche Würdenträger, wonach man seine weitere Unterstützung wohlwollend prüfen solle, bis sich seine Situation schliesslich klären müsse und er eine neue Aufgabe erhalte.
So naiv war er! Herzlosigkeit, Gemeinheit und Schadenfreude waren sein Tagesgeschäft gewesen, und doch schien es ihm, als ob er anlässlich seiner Besuche in eigener Sache zum ersten Mal sah, wie blank und undurchdringlich die Gesichter der Menschen werden können, und zum ersten Mal hörte, wie schneidend klar ihre bedauernden Stimmen sind.
Er stahl sich unter Blicken davon, die er nur zu gut verstand: «Schau dich an! Der totale Verlierer! Kein Funken Stolz in der Brust!»

Als er sich etwas erholt hatte, versuchte er sich mit seinem tausend Mal bewährten nebulösen Geschwätz den schlechten Menschen aus dem Volk zu nähern. Was immer gleich endete.
Nach einer Minute wurde er angeschnauzt: «Was willst du überhaupt?» – «Komm zur Sache, du stiehlst uns die Zeit!»
Plötzlich realisierte er, wie überaus beschäftigt die braven Leute waren, mit Banken, Versicherungen, Lebensplanung und komplizierten Hobbies. Mit allerlei Geräten, die ihn noch nie wirklich interessiert hatten, und von denen er durchaus nichts verstand.

Er verwahrloste innert kürzester Zeit. Nur in der Depression, die sich bleischwer auf ihn legte, schaffte er den Anschluss an die neue Zeit.
Bei jeder Gelegenheit stimmte er fortan sein grosses Klagelied an, wonach er sich um die Zivilisation verdient gemacht habe, um die gesamte christlich-abendländische Welt, und jetzt nur Undank ernte.

Im Altersheim lebt der Teufel inzwischen schon lange Jahre. Herr Steingerb, der Heimleiter, der auch ein hervorragender Kenner der Biographie des Teufels ist, erklärte uns, dass dieser vom solidarischen Sozialsystem habe profitieren können. Obwohl er selber keine Altersvorsorge getroffen habe, sei er in den Genuss einer staatlichen Rente gekommen, nachdem er sich ordnungsgemäss angemeldet habe. Es sei ihm, der zuvor obdachlos war, zudem einer der Plätze für Minderbemittelte zugefallen.

Der Teufel selber gab auf Fragen keine Antwort, ja reagierte nicht einmal darauf. Er sass stumm, zahnlos und krumm in seinem Rollstuhl und starrte ins Leere. Schwester Monika brachte ihn wenig später auf sein Zimmer, damit er zu seinem Nachmittagsschlaf kam.
Wir hatten dann auch noch Gelegenheit, uns mit Schwester Monika zu unterhalten. Der Teufel sei ein ordentlicher, aber schweigsamer Pensionär, erzählte sie. In jüngster Zeit falle er oftmals in seine Jugendzeit zurück. Er fluche dann wüst und versuche die Schwestern anzufassen, und strahle dabei über’s ganze Gesicht.
Manchmal plappere er Anekdotisches daher, was meist mit Zoten ende. Verschiedene Angehörige anderer Pensionäre hätten sich deswegen schon beschwert. Der Teufel mache es wohl nicht mehr lange, fügte sie leise an.

Nachdem er unsere Beklemmung bemerkte, versicherte uns Herr Steingerb mit einem Lachen, dass der Teufel im schönen «Bergli» gut aufgehoben sei. Er sehe die Sache nicht so pessimistisch wie Schwester Monika und glaube, dass der Teufel noch sehr alt werden könne.

Als wir im Car nach Hause fuhren, blieb es eine Weile still. Alle mussten an die frühere Zeit denken und daran, wie schnell sich alles verändert hatte und wie schnell das Leben vorüber zieht. Dann aber begann jemand zu singen, und wir stimmten alle kräftig ein.
Es war eine sehr schöne Rückfahrt. Schon kamen wir auf dem Gemeindeparkplatz an; wir verabschiedeten uns, und verstreuten uns in alle Winde. Am nächsten Donnerstag wollen wir dann den Rheinfall bei Schaffhausen besichtigen.